Expeditionsbericht 2007

29-03-07 Monjo 2800m

Sämtliche Hunde Kathmandus müssen die ganze Nacht wach gewesen sein, an Schlaf war kaum zu denken, wahrscheinlich waren aber auch die zwei Flaschen Cola an der unruhigen Nacht beteiligt. Um fünf Uhr früh stehe ich auf, packe nochmals um. Drei große Taschen, ein großer und ein kleiner Rucksack sind es geworden. Die Zeit reicht noch für ein zügiges Frühstück, dann kommt auch schon Pasang und wir fahren los. Bevor wir zum Flughafen fahren können, müssen wir noch einmal zum Büro, ich brauche noch eine Passkopie, der Pass liegt während der Expedition im Safe von Asian Trekking. Am Flughafen wartet schon Lhakpa Dorjee, unser Sirdar in diesem Jahr. Vor den Check-in Schaltern herrscht ein unglaubliches Chaos, überall türmt sich Expeditionsgepäck und Kisten stehen im Weg herum. Pasang checkt mich ein, auch mein Expeditionsgepäck fliegt heute schon mit. Lhakpa hat also ein Auge darauf, ich muss mir keine Gedanken mehr machen was mit meinen Sachen passiert. Die anderen Expeditionsteilnehmer treffen erst eine Woche später ein, ihr Gepäck kommt dann direkt mit dem Hubschrauber nach Syangboche.

Die Gepäckdurchsuchung hat eher symbolischen Charakter, im Warteraum kehrt nach hektischen Tagen endlich Ruhe ein. Allerdings nur kurz: Eine indonesische Gruppe von Asian-Trekking hat erfahren, dass ich zum Everest gehe, jetzt muss ich für Gruppenfotos herhalten, bestimmt 10 Kameras kommen zum Einsatz...

Der Abflug verzögert sich. Windstille und der morgendliche Smog sorgt für schlechte Sichten, die Gulf-Air aus Bahrein, mit der ich zwei Tage zuvor pünktlich gelandet bin, hat heute keine Chance und startet zweimal durch, dann verschwindet sie mit unbekanntem Ziel. Während die Gulf-Air den Luftraum blockiert, staut sich der abfliegende Verkehr. Eine Reihe kleiner Flugzeuge steht auf dem Vorfeld, die Passagiere warten davor, es wäre drinnen zu heiß. Die Copiloten verfolgen den Funkverkehr und warten im Cockpit auf die Startfreigabe während die Kapitäne auf dem Vorfeld stehen und ein Schwätzchen halten. Auf meinem Flug ist auch Dawa Tsering, der Sohn des Asian Trekking Inhabers. Er hat im letzten Jahr den Cho-Oju bestiegen, dieses Jahr soll er die Expeditionen im Basislager koordinieren. Er hat in England studiert, spricht natürlich perfekt englisch: Insgesamt beste Voraussetzungen für eine gute Logistik.

Der Flug ist wie immer atemberaubend. Die Dornier 228 wird auf 4000m gepeitscht, die Passhöhe wird eben so erreicht. Nördlich der Flugstrecke erhebt sich schneebedeckt der Himalaya, die Gipfelpyramide des Everest erscheint kurz während des Sinkfluges, dann erfolgt auch schon der kontrollierte Absturz nach Lhukla hinein. Kurz nach zehn gehe ich los. Inzwischen kenne ich den Weg sehr gut, ich gehe stetig, mache eine kurze Pause in Phakding, vier Stunden später erreiche ich Monju, mein Ziel für heute. Zwei Portionen Daal-Bath füllen die Energiespeicher wieder auf. Abends mache ich noch einen kurzen Ausflug zum Nationalpark-Eingang. Im letzten Jahr war dort ein neues Haus im Bau -jetzt ist es fast fertig. Unzählige Arbeiter schleppten die Steine heran und behauten die Steine. Keine Maschine kam zum Einsatz, sie hätte es auch nicht besser vermocht, so gleichmäßig sind die Steine behauen.

Ein einsamer Arbeiter zeigt mir stolz sein Werk. "Ihr seid fleißige Leute" sage ich, er freut sich.

30-03-07 Namche 3400m

12 Stunden harre ich auf der schmalen Pritsche aus, wie gewöhnlich am Expeditionsbeginn träume ich viel und bunt, aber es sind keine Albträume. Zwischendurch wache ich auf, höre die Ratten über die Deckenbalken huschen. Es ist für den Schlafsack viel zu warm, selbst als Decke genutzt bringt er mich schnell zum Schwitzen, das wird sich schnell erledigt haben.

Wie gewohnt esse ich ein Müsli, trinke einen zuckersüßen Milchtee bevor ich um acht Uhr loskomme. Am Nationalparkeingang muss ich nichts bezahlen, man schüttelt zwar den Kopf aber glaubt mir dass ich zu einer Expedition gehöre, die Genehmigung beinhaltet die Gebühr. Ein kurzes Stück muss ich absteigen, dann kurz am Fluss entlang, Hängebrücken bringen mich zweimal über den Fluss, dann führt der Weg nur noch steil hinauf nach Namche. Zwei Stunden brauche ich - weniger als im letzten Jahr, das Training hat sich offensichtlich gelohnt, wie die Akklimatisierung verläuft, wird sich noch zeigen müssen. In der Panorama -Lodge werde ich herzlich begrüßt. Sherab und Lhakpa Sherpa, die Besitzer, essen mit mir. Sie sind Großeltern geworden, erzählen sie mir stolz.

Nachmittags steige ich noch ein wenig den Hang hinauf nach Syangboche: Entscheidend wird sein, wie gut ich mich an die Höhe gewöhne, dazu schlafe ich immer etwas tiefer als die größte erreichte Höhe. Unterwegs probiere ich mein Solarpanel aus, hinten am Rucksack festgebunden lädt es meine Akkus auf. Es funktioniert wie erhofft. Am späten Nachmittag gehe ich noch einmal nach Namche herunter. Der Markt läuft schon seit heute Nachmittag - ohne den Massenauflauf, der morgen stattfinden wird. Ich versorge mich mit den letzten Kleinigkeiten für den Trek, Wasser, Mars-Riegel, Toilettenpapier, Streichhölzer und einiges mehr.

Wenn ich mich morgen wohl fühle, werde ich nach Khumjung aufsteigen. Dort trainierte ich im letzten Jahr eine ganze Woche lang.

31-03-07 Khumjung 3750m

Die Nacht war etwas kälter - also mit meinem dicken Schlafsack angenehmer als gestern. Die Höhe macht keine Probleme, ich beschließe nach Khumjung aufzusteigen. In der Lodge bekomme ich meinen obligatorischen Gebetsschal-die Kata. Serab wünscht mir viel Glück beim Aufstieg. Doch zunächst steige ich nochmals hinab ins Dorf. Mir fehlen Magnesiumtabletten, sie sollen Muskelkrämpfe vertreiben. In der Apotheke gibt es keine, in einem kleinen Gemischtwarenladen werde ich fündig.

Nun steige ich stetig bergan, es dauert eine Stunde, dann sehe ich den Everest wieder. Die Gipfelpyramide überragt alles, unbeeindruckt von allen Vorkommnissen.

In Khumjung belege ich ein Zimmer im Khumjung Hotel. Zehn Minuten später bin ich wieder unterwegs, meine Trainingsstrecke vom letzten Jahr hinauf bis auf 4300m. Ich komme gut herauf - bislang bin ich zufrieden. Zurück im Khumjung Hotel treffe ich Dawa Tsering wieder. Er hofft auf einen frühen Gipfelsieg, um sich danach dem Everest-Marathon zu widmen... Um 15 Uhr zieht sich der Himmel zu, Nebelschwaden ziehen durch das Dorf.

15 gelbe Zelte stehen im Hof, eine britische Scout-Gruppe campiert hier, die Scouts schlafen natürlich nicht im Hotel. Fünf von ihnen haben auch den Everest im Visier. Sie haben sich offensichtlich vor dem Aufbruch Glatzen scheren lassen, die Haarlänge wird über die Expeditionsdauer Auskunft geben.

Stundenlang beraten sie ganzheitlich über die beste Strategie, wie der Aufstieg zum Island-Peak gestaltet werden soll.

Ich schlafe gut in dieser Nacht, trotzdem ist der Schlafsack immer noch zu warm.

01-04-07 Tengboche 3890m

Ich warte im Schlafsack bis die Scouts die Morgentoilette beendet haben. Ich habe keine Lust Schlange zu stehen. Kurz nach acht bin ich unterwegs, zuerst 450m hinab ins Tal, dann steil 650m hinauf zum Kloster. Ich brauche ein dreiviertel Stunden für die Etappe und bin nicht außer Atem, soweit so gut! Wie immer kehre ich in der Tashi-Delek Lodge ein. Nach kurzem hin und her erhalte ich ein Zimmer mit Everest Blick. Später steige ich noch etwas höher hinauf. Nachmittags hole ich mir den Segen des Rimpoches. Ich überreiche ihm eine Kata, darin habe ich etwas Geld eingewickelt. Das Geld behält er, die Kata gibt er mir zurück.

01-04-07 Tengboche 3890m

Die Audienz beim Rimpoche ist beeindruckend. Er ist 73 Jahre alt und einer der drei wichtigsten Buddhistischen Autoritäten. Er muss seine Mönche zur Lehre ins Ausland schicken und ist mit den Schulen nicht immer zufrieden. So leide die Disziplin der Rückkehrer unter den Eindrücken der Städte. Die Wiedereingewöhnung in das einfache Leben im Khumbu falle immer schwerer. Mangelnde Disziplin macht er auch für ein erneutes Feuer im Kloster verantwortlich. Hätte es nicht stark geschneit, wäre das Kloster wohl zum zweiten Mal vernichtet worden. Ich frage ihn, was er von Menschen wie uns hält, die auf den Everest steigen wollen, dabei ihr eigenes Leben und das der Sherpas riskieren. Er meint, dies stelle ein klassisches Dilemma dar. Einerseits bekämen die Sherpas eine Möglichkeit ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, andererseits hätten sie mangels anderer Möglichkeiten keine freie Wahl- im Gegensatz zu unsereinem. Deshalb sei es wichtig, Alternativen zu entwickeln um die Entscheidungsfreiheit auch bei den Sherpas zu verbessern. Prinzipiell sei der Tourismus aber gut für die Sherpas.

Ich erhalte meine Kata zurück, eine gesegnete gelbe Schnur und geweihte Kräuter, täglich eingenommen erneuern sie seinen Segen.

02-04-07 Pheriche 4200m

Meine Tochter Lara wird heute 10 Jahre alt. Ich stehe früh auf, damit ich sie noch vor der Schule anrufen kann. Um viertel vor sieben komme ich los. Der Boden ist kaum gefroren, der Abstieg wird zum Slalom durch den Matsch, den unzählige Yaks hinterlassen haben. Ein unangenehmer, kalter Wind pfeift durch das Tal, eine dauernde Gratwanderung zwischen frösteln und schwitzen. Ich brauche knapp 3 Stunden bis zur Lodge in Pheriche. Ich bin jetzt auf 4200m, immerhin die Basislagerhöhe am Aconcagua, dem höchsten Berg der Anden. Ich treffe einen Mitstreiter aus unserem Team. Er kommt aus Malaysia, hat den Everest im letzten Jahr vom tibetischen Norden aus bestiegen und dabei fast alle Finger verloren. Das hält ihn nicht davon ab, dieses Jahr die nepalesische Südroute anzugehen.

Nachmittags höre ich mir aus Langeweile den Vortrag der Pheriche-Klinik über die Höhenkrankheit an: neue Ärztin, alter Vortrag - nichts Neues also. Die Scouts sind auch wieder dabei. Sie werden das Basislager in zwei Wochen beziehen.

03-04-07 Dingboche 4350m

Leider habe ich mir einen fiesen Schnupfen geholt. Bei dem Gehuste und Geschnupfe auf den Lodges kein Wunder!

Ich verlege meinen Standort auf die andere Seite des Hügels nach Dingboche. Der Besitzer der Lodgde in Pheriche besitzt auch eine Lodge in Dingboche und so führt er mich schnell herüber. Hier ist es viel sonniger und auch der Wind pfeift nicht so stark. Ich will noch ein wenig höher steigen. Es geht ganz gut, über mir sehe ich eine aufsteigende Gruppe. Am 5050m hohen Gipfel hole ich sie ein. Es ist Dave Hahn mit seinen Everestklienten auf Akklimatisationstour. Ich steige wieder nach Dingboche auf 4350m ab.

04-04-07 Dugla 4600m

Der Morgen beginnt sonnig und der Weg herüber nach Dugla ist angenehm. Zuerst steil einen Bergrücken hinauf, dann paralell zum Hang fast flach bis die drei Häuser von Dugla auf der anderen Flusseite erscheinen. Ich bin früh, es gibt noch Zimmer. Ich steige 200m den Hang hinauf zu der Gedenkstätte für die Everest-Opfer. Inzwischen stehen auch Steintürme aus den Jahren, in denen ich auch unterwegs war. Immerhin komme ich sehr leicht hinauf, Trekker bezeichnen den Anstieg wegen der Steile oft als Killerhang. Im Abstieg treffe ich Dawa und Phurba. Dawa bleibt 2 Nächte in Lobuche, ich werde ihn morgen treffen.

05-04-07 Lobuche 4900m

Das kurze Stück nach Lobuche hinauf schaffe ich in einer Stunde, nun habe ich die höchsten Spitzen der Alpen unter mir gelassen. Ich werde 2 Tage bleiben- vor dem 8. ist das Basislager noch nicht bereit und ein Ruhetag hilft mir bei meiner Akklimatisierung.

Dawa ist hier, Naga Dorje kommt für ein kurzes Daal Baath vorbei, langsam beginnen die Expeditionen anzurollen. Nachmittags steige ich auf den Rücken hinter der Lodge. Ich sehe hinein in das Halbrund des Khumbugletschers, begrenzt durch Pumori, Lho-la und die Everest-Westschulter. Am äußersten Rand kann ich das Basislager erahnen. Für die nächsten sechs Wochen wird es mein Zuhause sein.

06-04-07 Lobuche 4900m

Karfreitag. Von Ostern ist nichts zu spüren, früh um sechs rumort es in der Lodge, die meisten Gruppen brechen zeitig auf. Ich habe Ruhetag, kann warten, bis Ruhe eintritt. Gegen acht Uhr frühstücke ich in aller Ruhe mit Dawa. Er macht einen Tagesausflug zum Basislager um nach dem Rechten zu sehen, ich steige zur Gewöhnung bis 5200m den Hang hinauf. Mittags kommen auch die Scouts wieder. Sie waren bereits auf 5800m und gönnen sich eine Runde Cola.

Ich fühle mich hier auf knapp 5000m wohl, ich gehe morgen nach Gorak-Shep, dort schlafe ich das letzte Mal für lange Zeit in einem Bett. Ostersonntag werde ich dann im Basislager eintreffen.

07-04-07 Everest Basislager 5300m

Ostersamstag. Ich fühle mich gut, so entscheide ich mich in Gorak-Shep keine Pause mehr einzulegen. Bis in das Basislager brauche ich drei Stunden. Wie im letzten Jahr steht erst das Küchenzelt. Ich helfe beim Errichten meines Zeltes. Das Eis muss eingeebnet und eine einigermaßen gerade Plattform geschaffen werden. Dazu schaufeln wir den Schutt der auf dem Eis liegt auf kleine Planen und verteilen die Steine dann auf dem Eis. Zunächst bleibt es schön, nachmittags gewittert und schneit es. Abends kommt Dawa herauf. Zum Empfang gibt es Yaksteak.

08-04-07 Everest Basislager, 5300m

Gut geschlafen trotz kalter Nacht. Trotzdem bleibe ich im Schlafsack bis die Sonne das Zelt erwärmt. Zum Frühstück gibt es Omelette und Toasts. Im Zelt ist es angenehm und warm. Den ganzen Vormittag über schleppe ich Steine und helfe beim Einebnen der Lagerplätze. Nun können die anderen Bergsteiger kommen. Als nächster wird Ravi Chandran aus Malaysia erwartet. Bevor nicht alle hier sind, gibt es keine rituelle Puja- Feier, zu der ein Buddhistischer Priester anreisen muss. Dieser Lama hat auch nicht immer Termine und nicht jeder Tag ist ein guter Tag für die Puja. Es wird also noch etwas dauern, bis wir durch den Eisbruch steigen können, denn ohne Puja darf es nicht losgehen, wir würden den Zorn des Berges heraufbeschwören.

09-04-07 Everest-Basislager 5300m

Nach dem Frühstück drehen Dawa und ich eine Runde durch das Basislager. Wir schauen überall einmal vorbei. Die Britische Ärzteexpedition feiert Puja. Sie haben im ganz großen Stil Gerät dabei. Ein Fahrradergometer wird auf dem Südsattel in knapp 8000m aufgestellt. Auf dem Gipfel soll direkt arterielles Blut entnommen werden, ein Sherpa sprintet dann herab und bringt es ins Labor. Man spricht von weit über einer Million Dollar Expeditionskosten. Die Briten werden sich um keine anderen medizinischen Notfälle kümmern - zu groß ist das eigene Team, inclusive der mehr als 20 Ärzte. Die Himalayan Rescue Association HRA hat auch wieder eine Basislagerklinik errichtet. Hier kümmern sich freiwillige Ärzte um die Normalsterblichen. Die großen Teams sind auch alle da: IMG, Mountain Madness, Alpine Ascents, Adventure Consultants um nur einige zu nennen.

Wie bei uns treffen die Bergsteiger in den nächsten Tagen ein. Besuch kommt dann immer wieder von Trekkinggruppen, die bei den jeweiligen Veranstaltern gebucht haben und für kurze Zeit das Basislagerleben miterleben dürfen. Am Beginn des Eisfalles ist für sie allerdings Schluss.

Am Nachmittag hacken wir noch eine Plattform für Dawas Bäckerei aus dem Eis. Während wir Spitzhacke und Spaten schwingen, schauen uns erschöpfte Trekker ungläubig zu.

Ravi aus Malaysia trifft wie erwartet ein, die anderen werden die nächsten Tage folgen.

10-04-07 Everest-Basislager 5300m

Es bleibt leicht bewölkt, zunächst schneit es leicht. Als es aufhört, steige ich auf halbem Wege nach Gorak-Shep einen 5500m hohen Rücken hinauf. Zwischen hohen Wolken kann ich die Everest-Gipfelpyramide, die obere Lhotsewand und die Querung zum Südsattel sehen. Mehr als 3000m sind noch zu überwinden. Am späten Nachmittag schneit es dann weiter. Wir versuchen am Abend Dawas Projektor zum Laufen zu bringen, aber er benötigt einfach zu viel Strom, weder Generator noch Batterie schaffen die nötige Leistung. So muss das Kino im Bäckereizelt leider ausfallen.

11-04-07 Everest-Basislager 5300m

Der Wahnsinn treibt wieder einmal seltsame Blüten, das nepalesische Militär fliegt einige Koreaner ein. Sie wollen auf den Puja-Fotos des Bergsteigerteams zu sehen sein. Als der Hubschrauber etwa eine Stunde später wieder kommt, ist von ihnen nichts zu sehen. Erst als der Pilot verärgert eine Runde über das Camp dreht, kommen die vorher eingeflogenen zurück. Sie leiden unter der sauerstoffarmen Luft hier oben, werden gestützt, benötigen Flaschensauerstoff.

Den ganzen Tag schneit es immer wieder, der Wind kommt und geht. Wir beschäftigen uns mit den immer häufiger versagenden elektronischen Geräten, doch ohne Messgeräte und Lötkolben fällt die Reparatur schwer. Der Eisfall ist in einem schlechten Zustand, ich werde versuchen, möglichst selten hindurch zu steigen.

12-04-07 Everest Basislager 5300m

Der Tag beginnt windig, nach dem Frühstück wird es etwas besser. Ich steige an der Pumoriseite bis auf etwa 5700m. Von hier sehe ich Everest Nord und Südsattel. Die Nordroute kommt mir den Elementen sehr ausgesetzt vor. Am frühen Nachmittag bin ich zurück.

13-04-07 Everest Basislager 5300m

Ankunft der restlichen Bergsteiger:

Meagan Mc Grath CAN

Paul Adler AUS

Stephan Giesecke US

Attila Jelinko HUN

Ravichandran Tharumalingam Malaysia

Rudolf Praschl-Brichler Österreich

Martin Byrne aus Irland trekkt in den nächsten Tagen ins Basislager.

Das Essenszelt ist nun voll belegt, jeder hat irgendetwas zu erzählen.

14-04-07 Everest Basislager 5300m

Die Puja wird erst am 19. stattfinden. Vorher sind keine passenden Termine, entweder ist Neumond, oder der Tag bringt kein Glück.

Nach dem Frühstück gehen Ravi und ich an der Pumoriflanke bis auf 5600m hinauf. An der Gipfelpyramide hat es geschneit, auch die Lhotsewand ist noch etwas weißer geworden. Eine Woche bin ich bereits im Basislager, in dieser Woche habe ich etwa 10 Stunden trainiert - in einer Höhe um die 5500m. Das sollte für den Eisfall genügen.

15-04-07 Everest Basislager 5300m

Die Expeditionsleiter treffen sich an der Himalayan Rescue Association (HRA) Klinik. Pertemba kommt mit mir. Er ist unser Basislager Manager. Zusammen mit unserem Sirdar Lhakpa zieht er die Fäden unserer Expedition. Die Teams tauschen die Radiofrequenzen aus. Ab morgen versichern Sherpas von IMG die Lhotsewand bis auf Lager III. Direkt nach der Puja werden wir in der Lage sein die Akklimatisation komplett anzugehen.

16-04-07 Everest Basislager 5300m

Morgens die übliche Trainingseinheit den Pumori hinauf. Obwohl ich früh unterwegs bin, haben sich Wolken am Everest gebildet.

Die Wetterlage kommt mir insgesamt instabiler vor, als im letzten Jahr.

17-04-07 Everest Basislager 5300m

Im letzten Jahr war ich unzufrieden mit meinem Gipfelrucksack. Er war zwar sehr leicht, aber das Tragesystem auch sehr unbequem. Ich besorge mir eine Sauerstoffflasche, sie passt leicht in meinen neuen Rucksack und es fühlt sich wesentlich besser an, als im letzten Jahr, zumindest hier unten...Ich probiere auch meinen Klettergurt aus und stelle ihn ein. Am Eispickel schneide ich 10cm unnötige Schlinge ab, jedes Gramm zählt!

Die Nacht ist merkwürdig warm, die Gletscherbäche versiegen erst spät in der Nacht.

18-04-07 Everest Basislager 5300m

Vor dem Frühstück schauen Pertemba und ich in den Himmel. Es ist zwar windstill, trotzdem hängen einige Wolken an den Berghängen. Auch sehen wir Schleierwolken hoch oben an der Westschulter. Die Wetterlage ist nach wie vor instabil.

Ich gehe wieder hinauf am Pumori, vielleicht das letzte Mal vor der ersten Tour durch den Eisbruch! Ich beeile mich und das ist auch gut so: Kurz nachdem ich ins Zelt schlüpfe, schneit es auch schon, nicht viel, aber trotzdem unangenehm.

19-04-07 Everest Basislager 5300m

Pujafeier. Blauer Himmel und Windstille. Der Lama betet vor, Lhapka und Pertemba beten mit. Die Stupa ist mit Gebäck und Süssigkeiten geschmückt. Ein Plakat des Dalai-Lama ziert die Vorderseite. Wir hissen die Fahnenstange, die Gebetsfahnen erstrecken sich nun in alle Himmelsrichtungen über unser Lager. Es wird viel Chang getrunken, ich bleibe bei Cola. Nach vollendeter Puja dürfen wir nun den Eisbruch angehen. Doch zuerst muss das Lager II auf 6300m errichtet werden. Wir werden noch etwa 2 Tage warten müssen.

20-04-07 Everest Basislager 5300m

Das Lager II benötigt noch einige Lastentransporte. Wir machen erneut einen Ausflug auf die Pumoriseite. Ich bin jetzt hervorragend akklimatisiert, kann schnell steigen, es wird Zeit zu sehen, wie ich im Eisbruch zurechtkomme.

21-04-07 Everest Basislager 5300m

Unser Team bricht zur Eingewöhnung in den Eisfall auf. Ich bleibe im Lager, oft genug war ich im Bruch. Während das Team unterwegs ist, schleppe ich stundenlang Steine heran, befestige den Hügel auf dem mein Zelt steht. Die Sonne nagt an dem eisigen Untergrund, mittags fließen rechts und links Bäche vorbei, im Zelt wird es unerträglich heiß. Morgen will ich zu Lager I aufsteigen, doch nachmittags fängt es an zu schneien.

22-04-07 Everest Basislager 5300m

Es hört erst gegen abends um zehn zu schneien auf. Morgens um vier sind alle Sherpas noch im Zelt. Niemand steigt auf. Es macht keinen Sinn sich als erste durch den Eisfall zu wühlen. Die Schneeverhältnisse zwischen Lager I und II sind unklar. Wir verschieben den Aufstieg um einen Tag.

23-04-07 Lager I 6100m

Morgens um fünf komme ich los. Leichte Schuhe, leichte Steigeisen, hellgraue Funktionsunterwäsche, Fleecelatzhose, Fleeceoberteil, Goretexhose und Jacke, Klettergurt mit Eisausrüstung, so hat es sich bewährt. Unter der Jacke trage ich einen Wassersack, ich muss so nicht anhalten um zu trinken. Schnell bin ich im Trott, der Eisfall ist unverändert zerklüftet, der Weg verläuft über gewaltige Spalten und Eistürme. Würde man nicht wissen, dass alles hinab fließt und demzufolge instabil sein muss, so könnte man die Umgebung genießen. Ich komme gut voran, nach drei Stunden erreiche ich das obere Ende des Bruches. Ich bin im Tal des Schweigens, an dessen Ende steht die gewaltige Lhothsewand, dort muss ich hinauf, bis zum Südsattel. Heute aber gehe ich nur noch eine Stunde, jetzt in der prallen Sonne, dann bin ich im Lager I. Ich bin so schnell wie im letzten Jahr - Ein gutes Zeichen. Der Rest des Teams braucht 2-3 Stunden länger- wahrscheinlich haben sie schwereres Gepäck.

24-04-07 Lager II 6500m

Ich fühle mich gut, so beschließe ich direkt nach Lager II aufsteigen, Stephan und Ravi kommen mit. Der Rest des Teams zieht 24 Stunden im Zelt als Ruhetag vor. Wie im letzten Jahr verläuft die erste Stunde des Weges im Zickzack, hinunter in die Spalte, heraus aus der Spalte, quälend langsam entfernt sich das Lager. Wie im letzten Jahr benötige ich zwei Stunden bis zu den ersten Zelten des Lager II. Unser Lager jedoch befindet sich am oberen Ende der Moräne: 20 Minuten quälender Aufstieg bis ich endlich dort bin.

Später müssen wir noch eine Plattform für das Zelt in das Eis hacken. Schwerstarbeit in 6500m Höhe. Besser kann man sich nicht akklimatisieren!

25-04-07 Everest Basislager 5300m

Nach der gestrigen Schwerstarbeit steige ich wieder ab ins Basislager. Eigentlich wollte ich noch bis zum Fuße der Lhotsewand hinauf, jedoch habe ich gestern genug gearbeitet. Das muss genügen! Nach drei Stunden Abstieg ist die erste Akklimatisierungsrunde vorbei. Die nächste Tour wird nach einigen Ruhetagen zum Lager III in der Lhotseflanke bis auf 7300m hinauf führen.

26-04-07 Everest Basislager 5300m

Morgens um neun kommt Pertemba und berichtet, dass ein Sherpa von einem anderen Team in der Lhotsewand tödlich verunglückt ist. Nichts Genaues wird berichtet, es soll ein italienisches Team sein, sie haben keine Funkgeräte. Dawa vergleicht den Unfall mit dem eines Touristenbusfahrers. Ich bin mir da nicht so sicher. Sofort habe ich Zweifel: Ist der Everest soviel Risiko wert?

27-04-07 Everest Basislager 5300m

Es ist bedeckt und windig. Alle unsere Sherpas bleiben im Zelt. Wer doch losging musste auf halber Strecke umkehren. Ein Teil des Weges ist in der Nacht zusammengebrochen. Erst mittags ist der Bruch wieder neu versichert.

29-04-07 Everest Lager II 6500m

Zweite Akklimatisierungsrunde. Um fünf gehe ich los. Gleich zu Beginn mache ich einen Fehler. Ich will abkürzen, gehe über einen kleinen, zugefrorenen See, eher eine Pfütze, doch leider ist das Eis nicht fest genug gefroren und so breche ich mit beiden Schuhen ein, ich spüre das Eiswasser an beiden Füßen. Umdrehen oder weitergehen? Wenn ich den Bruch hinter mit habe und die Sonne kommt, dann wird es warm genug sein, allerdings dauert es noch drei Stunden, bis es soweit ist. Ich lege einen Zahn zu und gehe weiter. Meine Zehen bewege ich nun andauernd. Ich kann mir keine Erfrierungen leisten! Alles geht gut und nach sechs Stunden bin ich in Lager II.

30-04-07 Everest Lager II 6500m

Ruhetag. Dawa und ich gehen ein Stück in Richtung der Lhotsewand. Hohe Bewölkung und Wolken im unteren Western CWM lassen uns etwas früher umdrehen. Mittags wird es dann wieder sehr sonnig und windstill. Blair kommt uns entgegen. Er flucht über den schlechten Zustand der Wand: „Alles blankes Eis! Das ist das Härteste, was ich jemals gemacht habe." Es klingt unangenehm, morgen werden wir sehen.

01-05-07 Everest Lager II 6500m

Aufstieg zum Lager III in der Lhotsewand. Dawa und ich gehen um sieben los. Die Sonne verschanzt sich hinter der Lhotsewand. Der Wind weht in Böen kräftig von der Lhotseseite. Bis zur Wand geht es etwa eine Stunde leicht bergan. Der Einstieg ist dann fast senkrecht. Mehrere Seile hängen herab. Die Steigklemme einhängen, hochschieben, mit den Steigeisen Halt im blanken Eis finden, Knie durchdrücken, und immer weiter so, das ist die Aufgabe der nächsten Stunden. Über uns steigen fünf andere Bergsteiger, es hagelt Schnee und Eisbrocken. Unangenehm, aber wir kommen trotzdem gut voran. Nach vier Stunden erreichen wir die untere Lagerreihe auf 7100m. Damit ist das Akklimatisierungsziel erreicht. Keine Wolke trübt die Sicht auf Pumori und Cho-Oyu. Nach kurzer Rast steigen wir ab ins Lager II. Im Gegensatz zu Blairs Eindruck finde ich den Weg nicht besonders kompliziert, trotzdem benutze ich meinen Abseilachter auf dem Rückweg. Sicher ist Sicher!

02-05-07 Everest Basislager 5300m

Akklimatisierung beendet!

Ich verlasse das Lager gegen sieben, es hat leicht geschneit, ich bin allein unterwegs. Erst im Eisbruch kommen mir aufsteigende Bergsteiger entgegen. Es ist heiß und wolkenlos. Mein Trinksack taut trotzdem erst weit unten auf. Um zehn Uhr morgens bin ich im Lager, Frühstück und eine Schüssel heißes Wasser zum Waschen. Luxus. Nachmittags erfahren wir, das IMG schon in einer Woche den ersten Gipfelversuch starten will. Jetzt kommt endlich Schwung in die Sache. Ich muss mindestens drei Tage ausruhen, dann bin ich auch bereit für einen Versuch. Wenn alles klappt, ist in 10 Tagen alles vorbei.

05-05-07 Everest Basislager 5300m

Großes Meeting der Expeditionsleiter. Marc Tucker und Willie Benegas handeln die Daten aus. Nun sollen am 8. und 9. die Seile zum Balkon und Südgipfel gelegt werden. Dazu werden Sherpas, Sauerstoff, Seile und Anker benötigt. Alles Material muss am Südsattel in knapp 8000m zur Verfügung stehen. Es sind zwar nicht alle Teams vertreten, aber die, die da sind, geben alle etwas. Wir geben Sauerstoff.

07-05-07 Everest Basislager 5300m

Ich habe mich soweit erholt, dass ich wieder am Pumori auf 5700m hinaufsteigen kann. Es ist ein gutes Training und die Akklimatisierung geht so auch nicht verloren.

10-05-07 Everest Basislager 5300m

Der Tag beginnt sonnig, jedoch ziehen Wolkenfelder schnell über den Gipfel hinweg. Trotz des starken Windes gelingen die Fixseilarbeiten bis zum Balkon auf 8400m. Ein Gipfelvorstoß gelingt jedoch nicht. Ich mache meine Pumorirunde. Es bleibt mir nichts weiter, als zu warten. Immerhin sind die Lastentransporte nun abgeschlossen.

19-05-07 Everest Basislager 5300m

Seit zwei Tagen schlechtes Wetter. Morgens schon ist der Himmel bedeckt, schneit es. Zwar nicht viel, aber die Sonne bleibt verborgen. Statt morgendlicher Wärme, unangenehme, nasskalte Witterung. Gestern scheitert der zweite Gipfelversuch. Diesmal müssen Bergsteiger von Mountain Madness, und einige Koreaner wegen Starkwind am Südgipfel umdrehen. Wir warten weiter. Um zehn Uhr ruft unser Koch Mila aus Lager II an. Der Sturm hat ein Zelt weggeblasen, wir kommen dennoch glimpflich davon. Bei Alpine Ascents hat es wohl deutlich mehr Verwüstung gegeben. Nachmittags erhalten wir einen neuen Wetterbericht. Demzufolge könnten wir morgen losgehen. Wir packen alles zusammen, überprüfen die Ausrüstung, abends dann erhalten wir einen weiteren Wetterbericht. Wind bis 80km/h, Niederschläge und Wolken. Ich beschließe eine Woche zu warten.

13-05-07 Everest Basislager 5300m

Der Morgen beginnt windstill und wolkenlos. Verschiedene Teams steigen auf, um ihr Glück zu versuchen. Ich bin wieder einmal am Pumori unterwegs. Inzwischen benötige ich nur noch zwei Stunden hin und zurück. Ein großer Transporthubschrauber fliegt mehrmals das Basislager an. Er transportiert die Überreste des 2004 abgestürzten Schwesterschiffs ins Tal. Seit einigen Tagen ist das Wrack in transportfähige Stücke zerlegt. Der neue Wetterbericht sagt nun ab dem 21.05. geringe Winde voraus, wenn sich dieser Trend bestätigt, können wir schon in vier Tagen mit dem Aufstieg beginnen.

14-05-07 Everest Basislager 5300m

Der Wetterbericht wird immer besser. Ab dem 20. soll es gut werden. Kein Wind, kaum Niederschlag. Wir werden morgen noch hier bleiben, dann geht es los!

16-05-07 Everest Lager II 6500m

Aufstieg zum Gipfelversuch. Der Weg durch den Eisbruch hat sich sehr verändert. Er ist etwas länger geworden, dafür insgesamt einfacher. Große Teile des oberen Teils sind zusammengebrochen. Ich komme in den üblichen knapp vier Stunden hindurch, bin am Lager I. Danach beginnt die Qual. Wolkenlos und Windstille! Das CWM wird zum Backofen! 40 Grad werden locker erreicht. Ich treffe alle Sherpas am Steigeisenpunkt. Ab dort kommt man gut ohne Eisen weiter. Ich spendiere einen Liter Wasser. Dann gehe ich langsam aber gleichmäßig weiter. Ich erreiche das Lager II nach sechseinhalb Stunden. Eine halbe Stunde ist der Hitze geschuldet...

17-05-07 Everest Lager II 6500m

Nach der Hitzeschlacht ist heute Ruhetag.

18-05-07 Everest Lager III 7300m

Morgens um sieben Uhr komme ich los, es dauert etwa eine Stunde bis zu Lhotse-Wand. Direkt von Anfang an stecke ich hinter einem Alpine Ascents Team fest. Sie steigen sehr langsam auf. Die nächsten drei Stunden sind fast mühelos, so langsam steigen sie. Danach überhole ich und brauche weitere drei Stunden bis zum Lager III. Die letzte Stunde schneit es. Wenn alles klappt, werden wir morgen um fünf Uhr vom Lager III bis zum Südsattel steigen. Das wird wieder sechs Stunden dauern und am gleichen Abend gegen 22 Uhr beginnt dann der Gipfelaufstieg.

Die Wettervorhersage hat sich ein wenig geändert. Der Jetstream kommt näher, so dass am 21. stärkere Winde vorhergesagt werden, aber dann sollten wir schon wieder am Abstieg sein.

20-05-07 Everest Summit 8850m

Der Tag bleibt warm und windstill. Erst als die Sonne hinter Pumori und Cho-Oyu untergeht wird es bitterkalt. Die Kälte fällt mir allerdings kaum auf, ich habe bereits meinen Daunenanzug an. Darunter trage ich eine Schicht lange Unterwäsche und einen Fleeceoverall. An den Füßen zwei Paar Socken und die großen doppelten Schuhe mit angearbeiteter Gamasche. In die Taschen kommen eine zweite Stirnlampe, eine Wasserflasche, Ersatzhandschuhe und zwei Kameras. Unter dem Daunenoverall trage ich einen isolierten Wassersack, darüber den Rucksack mit zwei Sauerstoffflaschen. Auch zwei Sonnenbrillen sowie eine Sturmhaube finden im Rucksack Platz. Um 21 Uhr winde ich mich umständlich aus dem Zelt. Die Sauerstoffmaske ist mit einem Schlauch mit dem Rucksack verbunden, ein anderer, dickerer Schlauch führt zu einer kleinen Flasche die an einem Rucksackträger befestigt ist. So bin ich in meiner Bewegung eingeschränkt. Tashi Sherpa geht mit mir zum Gipfel, er hilft mir beim Anlegen der Steigeisen. Dann verlasse ich langsam das Lager. Der Mond ist eine hauchdünne Sichel, es ist stockdunkel, dafür aber windstill. Ich gehe langsam und gleichmäßig auf die Gipfelpyramide zu. Ohne Wind benötige ich die klobigen Innenhandschuhe nicht, ich stecke sie in den Overall. Der Weg beginnt zunächst flach, dann kommt ein kurzes Steilstück, danach wird es wieder leicht ansteigend und schließlich wird es immer steiler. Die Stirnlampen der anderen Bergsteiger funkeln senkrecht über mir. Meine Füße setze ich V-förmig in den Hang, die Fersen einander zugewandt, nur die inneren Steigeisenzacken krallen sich ins Eis. Nach einiger Zeit beginnt mein rechter Zeh zu kribbeln, alles Bewegen bringt keine Besserung. Aus irgendeinem Grund ist die Blutzirkulation dort schlechter. Mir fällt auf, dass ich in den Ruhephasen immer auf dem rechten Bein stehe, das Linke ist währenddessen angewinkelt. Ab sofort wechsele ich das Standbein ab und tatsächlich, das Kribbeln verschwindet, auch der rechte Zeh wird wieder angenehm warm. Ich kann mich wieder voll auf den Anstieg konzentrieren. Ich laufe auf drei langsamere Kletterer auf. Überholen wäre sehr mühsam- der Schnee ist jenseits der Spur grundlos, die Kraftanstrengung wäre zu groß. Nach einer endlosen Zeit machen Sie Platz, hinter mir hat sich bereits eine lange Schlange gebildet. Jetzt liegt es an mir, das Tempo so zu bestimmen dass ich kein Hindernis werde und mich trotzdem nicht überfordere. Ich steige 30 Schritte in einem Zug bergan, dann benötige ich 30 Atemzüge bis sich meine Atmung normalisiert und ich wieder weitersteigen kann. Trotzdem scheinen die Bergsteiger hinter mir zufrieden zu sein und immer wieder machen Kletterer vor uns Platz. Über mir blitzt immer wieder ein Stern auf und verschwindet wieder. Leider ist es kein Stern, sondern die Stirnlampe des obersten Kletterers. Scheinbar unendlich weit entfernt, zeigt er mir wie weit ich noch steigen muss, dabei ist er ja auch noch nicht oben - unendlich frustrierend! Einfach nichts denken, einfach weitersteigen- Stunde für Stunde. Wenigstens funktioniert die Mini-Stirnlampe. Ohne Wind kühlen die Batterien nicht aus und die kleinen LEDs geben genügend Licht um die Steigklemme zu bedienen. Ich spare Kraft und verzichte auf die zusätzliche Selbstsicherung. Ich stehe sicher genug im Eis und immerhin bin ich sozusagen mit der Steigklemme aufgewachsen. Zu Schulzeiten war ich oft in Höhlen unterwegs. Die Steigklemme war dabei der einzige Weg zurück ans Tageslicht.

Endlos steige ich so bergan, als der Weg plötzlich etwas flacher wird, eine Kurve macht und ich tatsächlich auf dem Balkon stehe- 8400m. Mit einer neuen Sauerstoffflasche steige ich nun dem Südgipfel entgegen. Der Grat ist zunächst schmal, Sterne stehen über und unter mir, die Nacht ist immer noch pechschwarz. Später wird der Grat breiter und ich quere unter Felsen vorbei, danach überschreite ich sie senkrecht. Zu Hillarys Zeiten gab es hier noch keine Steinpassagen. Die globale Erwärmung schmilzt sie immer deutlicher hervor. Wann wird der Everest vollends zur Felskletterei werden? Es ist anstrengend und es dauert lang, die Stufe zu überwinden, zudem ist die Seilqualität schwer einzuschätzen. Zu allem Überfluss sind es zwei dieser Stufen. Nach der Zweiten macht der Weg eine Rechtswendung und führt nun über einen Rücken weiter nach oben. Es ist immer noch rabenschwarze Nacht, als die Steigung nachlässt, langsam in die Waagrechte übergeht und ich unvermittelt am Südgipfel stehe. 8700m! Nirgendwo sonst kann man noch höher steigen auf dieser Welt, nur hier, genau gegenüber, bis auf das Dach der Welt. Der Grat dorthin ist noch in der Nacht verborgen. Nur von Tibet aus schieben sich Lichter auf der anderen Seite unaufhaltsam empor. Mit einer neuen Sauerstoffflasche versorgt, steige ich in die Scharte zwischen Südgipfel und Gipfelgrat hinab. Inzwischen erleuchten etwa fünf Lichter den letzten langen Aufschwung. Nur kurz folge ich dem ausgesetzten Grat, dann kann ich den berühmten Hillary-Step in der Dunkelheit erahnen. Es dauert nur fünf Minuten und schon habe ich die berüchtigte Stelle hinter mir. Nach den Steilstufen unterhalb des Südgipfels kommt er mir geradezu lächerlich vor! Nun fängt es im Osten zu dämmern an. Die endlose Nacht weicht den Fels und Wolkenmassen. Jedoch sind alle Wolken weit unter mir und auch bald alle Felsen dieser Welt. Noch kann ich den Gipfel nicht sehen, wohl aber die weit ausladenden Gipfelwechten. Ich denke an Hermann Buhl, er stürzte im Karakorum mit einer Wechte an der Chogolisa in den Tod. Eine glanzvolle Bergsteigerkarriere war damit brutal beendet. So hole ich meinen Eispickel heraus als die Fixseile enden. Zumindest fühle ich mich nun sicherer! Ich kann den Gipfel sehen! Seit 30 Jahren träume ich von diesem Moment! Wie oft habe ich mich diese letzten Meter gehen sehen, in jungen Jahren voller Übermut, kraftstrotzend, später zweifelnd, nun realistisch: Ich werde es schaffen, kein Zweifel: ich werde den höchsten Punkt dieser Erde erreichen und das im Vollbesitz meiner körperlichen und geistigen Kräfte! Wenn ich es mir erlaube, weine ich kurz, jedoch habe ich keine Schwierigkeiten mich weiter zu konzentrieren. So steige ich auf den Gipfel der Welt und irgendwann bin ich wirklich und endgültig am Ziel.

21-05-07 Lobuche 4900m

Am Gipfeltag war ich um acht Uhr früh zurück im Lager IV. Nach etwa zwei Stunden Rast bin ich die Lhotsewand abgestiegen, bis ins Lager II. Am nächsten Morgen zurück durch den Bruch ins Basislager und direkt weiter nach Lobuche. Ein richtiges Bett..

22-05-07 Namche 3400m

vor zwei Tagen stand ich um fünf Uhr morgens auf dem höchsten Punkt der Erde. Seitdem bin ich nur noch abgestiegen, zumindest kam es mir so vor.

Nun bin ich fast 5500m tiefer und 40km vom Gipfel entfernt - zurück in der Zivilisation. Morgen gehe ich noch einmal vier Stunden nach Lukhla. Dann noch der Flug nach Kathmandu - so das Wetter es erlaubt... Die Expedition ist dann beendet.

©2007 Dirk Stephan